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Ausdauertraining fürs Herz: Wie viel reicht wirklich?

150 Minuten pro Woche gelten als Richtwert fürs Herz – doch was steckt dahinter, und wie gelingt der Einstieg nach dem 40. Lebensjahr?

Sophie Reinhardt
Sophie ReinhardtPhysiotherapeutin & Gesundheitsjournalistin · 19. September 2026 · 5 Min. Lesezeit
Mann radelt gemächlich auf einem Weg durch einen Park

Die gute Nachricht vorweg: Für ein gesünderes Herz brauchen Sie weder ein Fitnessstudio-Abo noch einen Marathon. Die meisten Fachgesellschaften empfehlen eine überschaubare Menge an Bewegung – und die lässt sich in einen normalen Alltag einbauen. In der Praxis sehe ich allerdings oft zwei Lager: Die einen trainieren zu hart und geben nach drei Wochen entmutigt auf, die anderen bleiben weit unter dem, was ihrem Herzen guttun würde. Dieser Artikel ordnet die bekannte 150-Minuten-Empfehlung ein, erklärt die Intensitätszonen in verständlichen Worten und zeigt, wie der Einstieg ab 40 realistisch gelingt.

Woher die 150 Minuten kommen

Die Weltgesundheitsorganisation und zahlreiche nationale Leitlinien nennen für Erwachsene einen Richtwert von 150 bis 300 Minuten moderater Ausdauerbewegung pro Woche. Alternativ gelten 75 bis 150 Minuten intensiverer Bewegung als gleichwertig, weil die höhere Anstrengung den geringeren Zeitaufwand ausgleicht. Hinzu kommt die Empfehlung, an mindestens zwei Tagen pro Woche die größeren Muskelgruppen zu kräftigen.

Diese Zahlen sind keine willkürliche Festlegung. Sie beruhen auf zusammengefassten Daten aus vielen Beobachtungsstudien, in denen Menschen mit mehr regelmäßiger Bewegung über die Jahre seltener Herz-Kreislauf-Erkrankungen entwickelten. Wichtig ist dabei ein ehrlicher Hinweis: Es handelt sich überwiegend um Beobachtungen, nicht um Experimente mit zufälliger Gruppeneinteilung. Solche Studien können zeigen, dass Bewegung und Herzgesundheit zusammenhängen, aber der Zusammenhang lässt sich nicht so eindeutig als reine Ursache beweisen wie in einem kontrollierten Versuch. Trotzdem ist die Datenlage in ihrer Gesamtheit sehr konsistent.

Bemerkenswert ist, dass der größte Gewinn offenbar am unteren Ende entsteht. Wer von null auf ein wenig regelmäßige Bewegung umsteigt, profitiert deutlich stärker als jemand, der von viel auf sehr viel erhöht. Für den Anfang gilt also: Jede Minute zählt, und selbst 60 oder 90 Minuten pro Woche sind spürbar besser als gar nichts.

Intensitätszonen verstehen – ohne teure Technik

Hinter dem Begriff Intensität verbirgt sich schlicht die Frage, wie anstrengend eine Bewegung für Ihr Herz-Kreislauf-System ist. Man unterscheidet grob drei Bereiche: leicht, moderat und intensiv. Für die 150-Minuten-Empfehlung ist vor allem der moderate Bereich gemeint.

Sie brauchen dafür keinen Pulsmesser. Der einfachste Alltagstest ist der sogenannte Sprechtest. Bei moderater Belastung können Sie sich noch in ganzen Sätzen unterhalten, aber nicht mehr bequem singen. Bei intensiver Belastung reichen nur noch kurze, abgehackte Sätze. Fühlt sich die Bewegung mühelos an und Sie könnten problemlos ein Lied singen, bewegen Sie sich im leichten Bereich.

Die Herzfrequenz als grobe Orientierung

Wenn Sie es dennoch mit Zahlen mögen, hilft die maximale Herzfrequenz als Faustformel: etwa 220 minus Lebensalter. Für einen 55-jährigen Menschen ergibt das rechnerisch rund 165 Schläge pro Minute. Diese Formel ist allerdings nur ein grober Mittelwert mit erheblichen Abweichungen im Einzelfall – der individuelle Wert kann 10 bis 15 Schläge darüber oder darunter liegen. Nehmen Sie die folgenden Zahlen deshalb als Orientierung, nicht als Vorschrift.

Zone Anteil der maximalen Herzfrequenz Sprechtest Beispiele
Leicht etwa 50–60 % Singen problemlos möglich Gemütliches Spazieren, lockeres Radeln in der Ebene
Moderat etwa 60–75 % Reden ja, Singen nein Zügiges Gehen, Walken, leichtes Schwimmen
Intensiv etwa 75–90 % Nur kurze Sätze Laufen, schnelles Radfahren, Bergaufgehen

Die meisten Menschen unterschätzen, wie wirksam der moderate Bereich schon ist. Sie müssen sich nicht verausgaben. Zügiges Gehen, bei dem Sie leicht ins Schwitzen kommen und etwas tiefer atmen, erfüllt den Zweck vollkommen.

Einstieg ab 40: ruhig, aber verbindlich

Ab etwa 40 verändert sich der Körper. Die maximale Herzfrequenz sinkt mit den Jahren leicht, Sehnen und Bänder reagieren empfindlicher auf plötzliche Belastungsspitzen, und die Regeneration dauert oft etwas länger als mit 25. Das ist kein Grund zur Vorsicht bis zur Untätigkeit, sondern lediglich ein Argument für einen klugen Aufbau.

Wenn Sie längere Zeit wenig Sport getrieben haben, bestimmte Vorerkrankungen bestehen oder Sie Beschwerden wie Brustenge, unerklärliche Luftnot oder Schwindel kennen, sprechen Sie vor dem Start mit Ihrer Hausärztin oder Ihrem Hausarzt. Das gilt besonders dann, wenn Sie gleich intensiver einsteigen möchten.

Für den Aufbau hat sich ein schrittweises Vorgehen bewährt. Steigern Sie den Umfang pro Woche nur maßvoll, damit Gelenke und Herz-Kreislauf-System mitwachsen können:

Ein kleiner Grundsatz aus der Praxis: Lieber häufig und kurz als selten und lang. Vier bis fünf Einheiten über die Woche verteilt belasten den Körper gleichmäßiger und lassen sich im Alltag besser verankern als eine einzige große Anstrengung am Wochenende.

So wird aus Vorsatz Alltag

Der schwierigste Teil ist selten die Bewegung selbst, sondern das Dranbleiben. Hier helfen weniger die großen Pläne als die kleinen, verlässlichen Entscheidungen. Ein paar Ansätze, die sich bewährt haben:

Rechnen Sie außerdem mit Rückschlägen. Eine Erkältung, eine stressige Woche, ein verregneter Urlaub – all das wirft niemanden dauerhaft zurück, solange Sie danach einfach wieder anknüpfen. Die Fitness, die Sie sich über Wochen aufgebaut haben, verschwindet nicht nach ein paar Ruhetagen.

Was realistisch an Zeit und Wirkung zu erwarten ist

Seien wir ehrlich beim Zeitaufwand: 150 Minuten pro Woche sind rund 20 Minuten pro Tag. Das ist machbar, aber es verlangt eine bewusste Entscheidung. Wer bisher kaum Sport getrieben hat, spürt häufig schon nach einigen Wochen, dass Alltagsbewegungen wie Treppensteigen leichter fallen und die Belastungsgrenze steigt. Veränderungen am Ruhepuls oder am Blutdruck brauchen dagegen eher Monate und fallen individuell sehr unterschiedlich aus.

Wichtig bleibt die Einordnung: Ausdauertraining ist ein Baustein unter mehreren. Ausreichend Schlaf, ein moderater Umgang mit Stress, eine abwechslungsreiche Ernährung und der Verzicht auf Tabak wirken zusammen. Bewegung ersetzt keine notwendige ärztliche Behandlung und keine verordneten Medikamente, sondern ergänzt sie sinnvoll. Wer diese Erwartung mitbringt, wird selten enttäuscht – und bleibt eher dabei.

Das Wichtigste in Kürze

Hinweis: Dieser Beitrag ersetzt keine ärztliche Beratung. Wenn Sie Medikamente einnehmen, chronisch krank sind, schwanger sind oder stillen, sprechen Sie Nährstoffpräparate und Trainingspläne vorher mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt ab.
Sophie Reinhardt

Sophie Reinhardt

Physiotherapeutin & Gesundheitsjournalistin · München

Sophie Reinhardt ist ausgebildete Physiotherapeutin und schreibt seit acht Jahren über Bewegung, Gelenke, Knochen und Regeneration. In der Praxis hat sie vor allem gelernt, wie wenig Aufwand nötig ist, um etwas zu verändern — und wie oft Menschen an Programmen scheitern, die für ihren Alltag schlicht zu groß gedacht sind.

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