Ausdauertraining fürs Herz: Wie viel reicht wirklich?
150 Minuten pro Woche gelten als Richtwert fürs Herz – doch was steckt dahinter, und wie gelingt der Einstieg nach dem 40. Lebensjahr?

Die gute Nachricht vorweg: Für ein gesünderes Herz brauchen Sie weder ein Fitnessstudio-Abo noch einen Marathon. Die meisten Fachgesellschaften empfehlen eine überschaubare Menge an Bewegung – und die lässt sich in einen normalen Alltag einbauen. In der Praxis sehe ich allerdings oft zwei Lager: Die einen trainieren zu hart und geben nach drei Wochen entmutigt auf, die anderen bleiben weit unter dem, was ihrem Herzen guttun würde. Dieser Artikel ordnet die bekannte 150-Minuten-Empfehlung ein, erklärt die Intensitätszonen in verständlichen Worten und zeigt, wie der Einstieg ab 40 realistisch gelingt.
Woher die 150 Minuten kommen
Die Weltgesundheitsorganisation und zahlreiche nationale Leitlinien nennen für Erwachsene einen Richtwert von 150 bis 300 Minuten moderater Ausdauerbewegung pro Woche. Alternativ gelten 75 bis 150 Minuten intensiverer Bewegung als gleichwertig, weil die höhere Anstrengung den geringeren Zeitaufwand ausgleicht. Hinzu kommt die Empfehlung, an mindestens zwei Tagen pro Woche die größeren Muskelgruppen zu kräftigen.
Diese Zahlen sind keine willkürliche Festlegung. Sie beruhen auf zusammengefassten Daten aus vielen Beobachtungsstudien, in denen Menschen mit mehr regelmäßiger Bewegung über die Jahre seltener Herz-Kreislauf-Erkrankungen entwickelten. Wichtig ist dabei ein ehrlicher Hinweis: Es handelt sich überwiegend um Beobachtungen, nicht um Experimente mit zufälliger Gruppeneinteilung. Solche Studien können zeigen, dass Bewegung und Herzgesundheit zusammenhängen, aber der Zusammenhang lässt sich nicht so eindeutig als reine Ursache beweisen wie in einem kontrollierten Versuch. Trotzdem ist die Datenlage in ihrer Gesamtheit sehr konsistent.
Bemerkenswert ist, dass der größte Gewinn offenbar am unteren Ende entsteht. Wer von null auf ein wenig regelmäßige Bewegung umsteigt, profitiert deutlich stärker als jemand, der von viel auf sehr viel erhöht. Für den Anfang gilt also: Jede Minute zählt, und selbst 60 oder 90 Minuten pro Woche sind spürbar besser als gar nichts.
Intensitätszonen verstehen – ohne teure Technik
Hinter dem Begriff Intensität verbirgt sich schlicht die Frage, wie anstrengend eine Bewegung für Ihr Herz-Kreislauf-System ist. Man unterscheidet grob drei Bereiche: leicht, moderat und intensiv. Für die 150-Minuten-Empfehlung ist vor allem der moderate Bereich gemeint.
Sie brauchen dafür keinen Pulsmesser. Der einfachste Alltagstest ist der sogenannte Sprechtest. Bei moderater Belastung können Sie sich noch in ganzen Sätzen unterhalten, aber nicht mehr bequem singen. Bei intensiver Belastung reichen nur noch kurze, abgehackte Sätze. Fühlt sich die Bewegung mühelos an und Sie könnten problemlos ein Lied singen, bewegen Sie sich im leichten Bereich.
Die Herzfrequenz als grobe Orientierung
Wenn Sie es dennoch mit Zahlen mögen, hilft die maximale Herzfrequenz als Faustformel: etwa 220 minus Lebensalter. Für einen 55-jährigen Menschen ergibt das rechnerisch rund 165 Schläge pro Minute. Diese Formel ist allerdings nur ein grober Mittelwert mit erheblichen Abweichungen im Einzelfall – der individuelle Wert kann 10 bis 15 Schläge darüber oder darunter liegen. Nehmen Sie die folgenden Zahlen deshalb als Orientierung, nicht als Vorschrift.
| Zone | Anteil der maximalen Herzfrequenz | Sprechtest | Beispiele |
|---|---|---|---|
| Leicht | etwa 50–60 % | Singen problemlos möglich | Gemütliches Spazieren, lockeres Radeln in der Ebene |
| Moderat | etwa 60–75 % | Reden ja, Singen nein | Zügiges Gehen, Walken, leichtes Schwimmen |
| Intensiv | etwa 75–90 % | Nur kurze Sätze | Laufen, schnelles Radfahren, Bergaufgehen |
Die meisten Menschen unterschätzen, wie wirksam der moderate Bereich schon ist. Sie müssen sich nicht verausgaben. Zügiges Gehen, bei dem Sie leicht ins Schwitzen kommen und etwas tiefer atmen, erfüllt den Zweck vollkommen.
Einstieg ab 40: ruhig, aber verbindlich
Ab etwa 40 verändert sich der Körper. Die maximale Herzfrequenz sinkt mit den Jahren leicht, Sehnen und Bänder reagieren empfindlicher auf plötzliche Belastungsspitzen, und die Regeneration dauert oft etwas länger als mit 25. Das ist kein Grund zur Vorsicht bis zur Untätigkeit, sondern lediglich ein Argument für einen klugen Aufbau.
Wenn Sie längere Zeit wenig Sport getrieben haben, bestimmte Vorerkrankungen bestehen oder Sie Beschwerden wie Brustenge, unerklärliche Luftnot oder Schwindel kennen, sprechen Sie vor dem Start mit Ihrer Hausärztin oder Ihrem Hausarzt. Das gilt besonders dann, wenn Sie gleich intensiver einsteigen möchten.
Für den Aufbau hat sich ein schrittweises Vorgehen bewährt. Steigern Sie den Umfang pro Woche nur maßvoll, damit Gelenke und Herz-Kreislauf-System mitwachsen können:
- Wochen 1–2: dreimal 10 bis 15 Minuten zügiges Gehen, bewusst im moderaten Bereich. Ziel ist die Gewohnheit, nicht die Leistung.
- Wochen 3–4: auf dreimal 20 Minuten verlängern oder einen vierten Termin ergänzen.
- Wochen 5–8: schrittweise Richtung 150 Minuten pro Woche, zum Beispiel fünfmal 30 Minuten oder dreimal 50 Minuten.
- Ab Woche 9: bei Lust und ohne Beschwerden kurze intensivere Abschnitte einbauen, etwa eine Minute flotteres Tempo, dann wieder zurück ins moderate.
Ein kleiner Grundsatz aus der Praxis: Lieber häufig und kurz als selten und lang. Vier bis fünf Einheiten über die Woche verteilt belasten den Körper gleichmäßiger und lassen sich im Alltag besser verankern als eine einzige große Anstrengung am Wochenende.
So wird aus Vorsatz Alltag
Der schwierigste Teil ist selten die Bewegung selbst, sondern das Dranbleiben. Hier helfen weniger die großen Pläne als die kleinen, verlässlichen Entscheidungen. Ein paar Ansätze, die sich bewährt haben:
- Feste Termine: Tragen Sie die Einheiten wie einen Arzttermin in den Kalender ein, statt auf Motivation zu warten.
- Alltag nutzen: Der Weg zum Bäcker, Treppen statt Aufzug, ein Teil des Arbeitswegs zu Fuß – vieles davon fällt in den moderaten Bereich und summiert sich.
- Verbündete suchen: Zu zweit oder in einer kleinen Gruppe halten die meisten Menschen deutlich länger durch.
- Kraft nicht vergessen: Zwei kurze Einheiten pro Woche für Beine, Rumpf und Rücken ergänzen das Ausdauertraining und schützen die Gelenke.
- Auf Signale hören: Ein Muskelkater ist normal. Anhaltende Schmerzen, deutliche Luftnot oder Herzstolpern sind es nicht – gönnen Sie sich dann eine Pause und lassen Sie Beschwerden abklären.
Rechnen Sie außerdem mit Rückschlägen. Eine Erkältung, eine stressige Woche, ein verregneter Urlaub – all das wirft niemanden dauerhaft zurück, solange Sie danach einfach wieder anknüpfen. Die Fitness, die Sie sich über Wochen aufgebaut haben, verschwindet nicht nach ein paar Ruhetagen.
Was realistisch an Zeit und Wirkung zu erwarten ist
Seien wir ehrlich beim Zeitaufwand: 150 Minuten pro Woche sind rund 20 Minuten pro Tag. Das ist machbar, aber es verlangt eine bewusste Entscheidung. Wer bisher kaum Sport getrieben hat, spürt häufig schon nach einigen Wochen, dass Alltagsbewegungen wie Treppensteigen leichter fallen und die Belastungsgrenze steigt. Veränderungen am Ruhepuls oder am Blutdruck brauchen dagegen eher Monate und fallen individuell sehr unterschiedlich aus.
Wichtig bleibt die Einordnung: Ausdauertraining ist ein Baustein unter mehreren. Ausreichend Schlaf, ein moderater Umgang mit Stress, eine abwechslungsreiche Ernährung und der Verzicht auf Tabak wirken zusammen. Bewegung ersetzt keine notwendige ärztliche Behandlung und keine verordneten Medikamente, sondern ergänzt sie sinnvoll. Wer diese Erwartung mitbringt, wird selten enttäuscht – und bleibt eher dabei.
Das Wichtigste in Kürze
- Als Richtwert gelten 150 bis 300 Minuten moderate oder 75 bis 150 Minuten intensive Ausdauerbewegung pro Woche, ergänzt um zwei Krafteinheiten.
- Den größten Gewinn bringt der Einstieg vom Nichtstun in ein wenig regelmäßige Bewegung – jede Minute zählt.
- Die Intensität lässt sich ohne Technik über den Sprechtest einschätzen: moderat heißt reden ja, singen nein.
- Ab 40 empfiehlt sich ein maßvoller Aufbau über mehrere Wochen, lieber häufig und kurz als selten und lang.
- Bei Vorerkrankungen oder Beschwerden wie Brustenge, Luftnot oder Schwindel vor dem Start ärztlichen Rat einholen.
Weiterlesen

Blutdruck richtig messen: Die häufigsten Fehler
Eine falsche Manschette, zu wenig Ruhe oder die Aufregung beim Arzt – schon stimmt der Blutdruckwert nicht. So vermeiden Sie die typischen Messfehler.

Cholesterin verstehen: LDL, HDL und Lp(a)
LDL, HDL und das oft übersehene Lp(a): Was Ihre Cholesterinwerte wirklich bedeuten und welche Zielwerte je nach persönlichem Risiko gelten.

Nattokinase: Was wirklich belegt ist
Nattokinase soll die Fließfähigkeit des Blutes fördern – doch was sagt die Forschung, und wann wird das Enzym bei Blutverdünnern zum Risiko?