Nattokinase: Was wirklich belegt ist
Nattokinase soll die Fließfähigkeit des Blutes fördern – doch was sagt die Forschung, und wann wird das Enzym bei Blutverdünnern zum Risiko?

Nattokinase ist ein Enzym, das aus Natto gewonnen wird – einem traditionellen japanischen Lebensmittel aus fermentierten Sojabohnen. Gewonnen wird das Enzym durch die Fermentation mit dem Bakterium Bacillus subtilis. In den letzten Jahren ist Nattokinase als Nahrungsergänzungsmittel zunehmend bekannt geworden, meist verbunden mit dem Versprechen, das Blut „dünnflüssiger“ zu machen und die Gefäßgesundheit zu unterstützen. Als Fachärztin für Innere Medizin begegnen mir solche Präparate regelmäßig in der Sprechstunde, häufig gebracht von Patientinnen und Patienten, die bereits herzkranke Angehörige haben oder selbst erhöhte Laborwerte aufweisen. Dieser Artikel ordnet ein, was die Forschung tatsächlich zeigt – und wo Vorsicht geboten ist, insbesondere im Zusammenwirken mit gerinnungshemmenden Medikamenten.
Was Fibrinolyse bedeutet
Um Nattokinase zu verstehen, lohnt ein Blick auf die Blutgerinnung. Verletzt sich ein Gefäß, bildet der Körper aus dem löslichen Eiweiß Fibrinogen ein Netz aus Fibrinfäden. Dieses Netz stabilisiert den Blutpfropf und stoppt die Blutung. Ist die Wunde verheilt, muss dieses Fibringerüst wieder abgebaut werden – diesen Vorgang nennt man Fibrinolyse. Zuständig dafür ist im Körper vor allem das Enzym Plasmin, das aus seiner Vorstufe Plasminogen gebildet wird.
Nattokinase wird in Laborversuchen eine fibrinolytische Wirkung zugeschrieben. Das heißt: Im Reagenzglas kann das Enzym Fibrin direkt spalten und zusätzlich die körpereigene Umwandlung von Plasminogen zu Plasmin fördern. Diese Beobachtungen stammen überwiegend aus Zellversuchen und aus Untersuchungen außerhalb des Körpers. Sie erklären, warum Nattokinase überhaupt im Zusammenhang mit der Blutgerinnung diskutiert wird. Entscheidend ist jedoch die Frage, ob und in welchem Ausmaß sich diese Wirkung auch im menschlichen Körper nach Einnahme über den Mund zeigt – und hier wird die Datenlage deutlich dünner.
Was die Studienlage hergibt
Zur Nattokinase existieren mehrere kontrollierte Studien am Menschen, allerdings meist mit kleinen Teilnehmerzahlen und über kurze Zeiträume. Untersucht wurden unter anderem Veränderungen von Gerinnungsmarkern, der Blutdruck sowie einzelne Blutfettwerte. In einigen dieser Arbeiten zeigten sich messbare Veränderungen bestimmter Laborparameter, etwa ein leichter Rückgang von Fibrinogen oder geringfügige Einflüsse auf den Blutdruck. Diese Effekte waren in der Regel moderat.
Für eine belastbare Beurteilung bestehen jedoch erhebliche Einschränkungen, die ich hier offen benennen möchte:
- Die meisten Studien umfassen nur wenige Dutzend bis einige Hundert Teilnehmende.
- Die Beobachtungszeiträume betragen oft nur wenige Wochen bis wenige Monate.
- Es fehlen große Langzeitstudien, die klinisch bedeutsame Endpunkte wie Herzinfarkt, Schlaganfall oder Sterblichkeit untersuchen.
- Die verwendeten Präparate unterscheiden sich stark in Dosierung und Standardisierung, was den Vergleich erschwert.
- Ein Teil der Untersuchungen wurde von Herstellern beeinflusst oder finanziert.
Die Enzymaktivität von Nattokinase wird üblicherweise nicht in Milligramm, sondern in sogenannten fibrinolytischen Einheiten angegeben, abgekürzt FU. In Präparaten finden sich häufig Angaben zwischen etwa 2.000 FU und 2.000 FU pro Kapsel, wobei 2.000 FU in vielen Studien einer Tagesdosis entsprechen. Die reine Milligramm-Angabe ist wenig aussagekräftig, da entscheidend ist, wie viel aktives Enzym tatsächlich enthalten ist. Das macht den Vergleich verschiedener Produkte für Verbraucherinnen und Verbraucher schwierig.
Zusammengefasst: Es gibt Hinweise auf eine Wirkung auf einzelne Gerinnungs- und Gefäßparameter, aber keinen Beleg dafür, dass die Einnahme von Nattokinase Herzinfarkte oder Schlaganfälle verhindert. Solche Aussagen wären aus der aktuellen Studienlage nicht gedeckt.
Einordnung gegenüber etablierten Medikamenten
Nattokinase ist kein Ersatz für zugelassene gerinnungshemmende Arzneimittel. Medikamente wie Acetylsalicylsäure, Clopidogrel oder orale Antikoagulanzien sind in großen Studien geprüft, in ihrer Wirkung genau dosierbar und in ihren Risiken gut beschrieben. Für Nattokinase gilt das nicht. Die folgende Übersicht stellt einige Eckdaten gegenüber.
| Merkmal | Nattokinase (Nahrungsergänzung) | Zugelassene Gerinnungshemmer |
|---|---|---|
| Rechtlicher Status | Nahrungsergänzungsmittel, kein Arzneimittel | Verschreibungspflichtiges Arzneimittel |
| Dosierung | häufig etwa 2.000 FU pro Tag, Enzymaktivität schwankt | exakt definiert in mg oder IE, individuell angepasst |
| Wirknachweis | kleine Studien, Laborparameter, kurze Zeiträume | große Studien mit klinischen Endpunkten |
| Laborkontrolle | nicht etabliert | zum Teil standardisiert, etwa INR bei Vitamin-K-Antagonisten |
| Risikoprofil | unvollständig untersucht | gut beschrieben, Blutungsrisiko bekannt |
Warnung bei Blutverdünnern
Der wichtigste Punkt dieses Artikels betrifft Menschen, die bereits gerinnungshemmende Medikamente einnehmen. Wird Nattokinase zusätzlich zu solchen Mitteln eingenommen, können sich die Wirkungen addieren. Das Ergebnis kann ein erhöhtes Blutungsrisiko sein. Betroffen sind insbesondere Personen, die folgende Wirkstoffgruppen erhalten:
- Vitamin-K-Antagonisten wie Phenprocoumon, deren Wirkung über den INR-Wert kontrolliert wird
- direkte orale Antikoagulanzien wie Apixaban, Rivaroxaban, Dabigatran oder Edoxaban
- Thrombozytenaggregationshemmer wie Acetylsalicylsäure in niedriger Dosierung oder Clopidogrel
- Heparine, etwa zur vorübergehenden Behandlung
Auch wer regelmäßig entzündungshemmende Schmerzmittel wie Ibuprofen oder Diclofenac verwendet, sollte vorsichtig sein, da auch diese die Blutungsneigung erhöhen können. Warnzeichen für eine verstärkte Blutungsneigung sind unter anderem häufiges Nasenbluten, Zahnfleischbluten, großflächige blaue Flecken ohne erkennbare Ursache, Blut im Urin oder im Stuhl sowie ungewöhnlich langes Nachbluten nach kleinen Verletzungen. Treten solche Zeichen auf, sollten Sie das Präparat absetzen und ärztlichen Rat suchen.
Besondere Zurückhaltung ist zudem vor geplanten Operationen oder zahnärztlichen Eingriffen geboten. Da Nattokinase die Gerinnung beeinflussen kann, wird in der Regel empfohlen, das Enzym einige Tage bis etwa zwei Wochen vor einem Eingriff abzusetzen. Den genauen Zeitpunkt sollten Sie mit den behandelnden Ärztinnen und Ärzten abstimmen. Auch bei bekannten Gerinnungsstörungen, einem kürzlich zurückliegenden Schlaganfall mit Hirnblutung oder einem Magengeschwür ist von einer eigenmächtigen Einnahme abzuraten.
Worauf Sie achten sollten
Wenn Sie den Einsatz von Nattokinase erwägen, empfiehlt sich ein nüchternes, schrittweises Vorgehen. Sprechen Sie vor der ersten Einnahme mit Ihrer Hausärztin oder Ihrem Hausarzt, insbesondere dann, wenn Sie bereits Medikamente einnehmen oder an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung leiden. Lassen Sie bei Bedarf relevante Werte kontrollieren; bei Einnahme von Vitamin-K-Antagonisten ist der INR-Wert der entscheidende Parameter, der engmaschig überprüft werden sollte.
Beachten Sie außerdem, dass Natto und daraus gewonnene Präparate aus Sojabohnen stammen. Menschen mit einer Sojaallergie sollten entsprechende Produkte meiden. Da Natto im Herstellungsprozess auch Vitamin K enthalten kann, ist zusätzlich zu bedenken, dass Vitamin K die Wirkung von Vitamin-K-Antagonisten abschwächen kann – ein weiterer Grund, warum diese Kombination problematisch ist. Gereinigte Enzympräparate enthalten in der Regel weniger Vitamin K als das ursprüngliche Lebensmittel, doch verlässliche Angaben fehlen häufig.
Grundsätzlich gilt: Ein Nahrungsergänzungsmittel kann eine gesunde Lebensweise nicht ersetzen. Für die Gefäßgesundheit sind nach heutigem Kenntnisstand ein kontrollierter Blutdruck, gut eingestellte Blutfette und Blutzuckerwerte, Nichtrauchen, ausreichende Bewegung und ein gesundes Körpergewicht entscheidend. Diese Maßnahmen sind durch umfangreiche Studien belegt. Nattokinase bleibt demgegenüber ein Enzym mit interessanten Laboreigenschaften, dessen Nutzen für den Menschen bislang nicht ausreichend gesichert ist.
Das Wichtigste in Kürze
- Nattokinase ist ein aus fermentierten Sojabohnen gewonnenes Enzym mit fibrinolytischen Eigenschaften im Labor.
- Studien am Menschen sind klein, kurz und uneinheitlich; es fehlen Belege für einen Nutzen bei Herzinfarkt oder Schlaganfall.
- In Kombination mit Gerinnungshemmern oder entzündungshemmenden Schmerzmitteln kann das Blutungsrisiko steigen.
- Vor Operationen sollte das Präparat nach ärztlicher Absprache rechtzeitig abgesetzt werden.
- Die Einnahme sollte stets mit der Ärztin oder dem Arzt besprochen werden, besonders bei bestehender Medikation.
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