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Statine und Muskelschmerzen: Was wirklich dahintersteckt

Viele Menschen klagen unter Statinen über Muskelbeschwerden. Doch wie oft steckt der Wirkstoff dahinter – und was lässt sich sinnvoll dagegen tun?

Dr. med. Katharina Brandt
Dr. med. Katharina BrandtFachärztin für Innere Medizin · 16. April 2026 · 5 Min. Lesezeit
Mann reibt sitzend seinen Oberschenkelmuskel

Statine gehören zu den am häufigsten verordneten Medikamenten überhaupt. Sie senken den LDL-Cholesterinwert und verringern bei vielen Menschen das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall. Gleichzeitig halten sich kaum Nebenwirkungen so hartnäckig im Gespräch wie Muskelbeschwerden. Wer die Mittel nimmt und Ziehen oder Schmerzen in den Oberschenkeln oder Waden spürt, fragt sich rasch, ob das Medikament schuld ist. Die Antwort fällt differenzierter aus, als viele erwarten. Dieser Beitrag ordnet ein, wie häufig muskuläre Probleme tatsächlich auftreten, welche Rolle die Erwartungshaltung spielt, was es mit dem viel diskutierten Coenzym Q10 auf sich hat und welche Möglichkeiten es gibt, wenn die Beschwerden bleiben.

Wie häufig sind Muskelbeschwerden unter Statinen?

Zunächst ist es wichtig, zwischen verschiedenen Formen von Muskelproblemen zu unterscheiden. Am häufigsten werden sogenannte Myalgien beschrieben: Muskelschmerzen oder ein Muskelkater-ähnliches Gefühl, meist symmetrisch, oft in den großen Muskelgruppen von Oberschenkeln und Oberarmen, ohne dass sich im Labor Auffälligkeiten zeigen. Davon abzugrenzen ist die Myopathie, bei der der Wert der Kreatinkinase (CK) im Blut ansteigt und tatsächlich eine Muskelschädigung vorliegt. Sehr selten, aber ernst ist die Rhabdomyolyse, ein ausgeprägter Muskelzerfall, der die Nieren belasten kann.

In Beobachtungsstudien und in der ärztlichen Praxis berichten durchaus viele Menschen über Muskelbeschwerden – je nach Erhebung ein zweistelliger Prozentanteil. In sorgfältig durchgeführten, placebokontrollierten Studien, in denen weder die Teilnehmenden noch die Behandelnden wussten, wer das echte Statin erhielt, fällt der Unterschied zwischen Statin- und Placebogruppe hingegen deutlich kleiner aus. Schwere Muskelschädigungen sind selten: Eine Rhabdomyolyse tritt in großen Auswertungen in einer Größenordnung von etwa einem Fall pro mehrere Zehntausend behandelte Personenjahre auf. Mit anderen Worten: Muskelgefühl und tatsächlicher Muskelschaden sind nicht dasselbe, und der statistisch belegte Anteil, der eindeutig auf den Wirkstoff zurückgeht, ist kleiner als der subjektive Eindruck vermuten lässt.

Der Nocebo-Effekt: Wenn die Erwartung mitschmerzt

Hier kommt ein Phänomen ins Spiel, das in der Statin-Diskussion eine große Rolle spielt: der Nocebo-Effekt. Er ist das Gegenstück zum Placebo-Effekt. Wer erwartet, dass ein Medikament Beschwerden verursacht, nimmt körperliche Empfindungen stärker wahr und ordnet sie eher dem Mittel zu. Muskelbeschwerden sind in der Altersgruppe ab 40 ohnehin verbreitet – durch Bewegungsmangel, Überlastung, Abnutzung oder andere Erkrankungen. Fällt der Beginn einer Statintherapie mit solchen Beschwerden zusammen, liegt der Schluss nahe, das Medikament sei verantwortlich.

In mehreren kontrollierten Untersuchungen, die dieselben Teilnehmenden phasenweise mit echtem Statin, mit Placebo und ganz ohne Tablette begleitet haben, traten Muskelbeschwerden unter Placebo fast ebenso häufig auf wie unter dem Wirkstoff. Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass die Schmerzen eingebildet sind – sie sind real und belastend. Es bedeutet, dass sie in vielen Fällen nicht ursächlich vom Statin stammen. Diese Erkenntnis ist praktisch bedeutsam, weil ein voreiliges Absetzen den Schutz vor Herz-Kreislauf-Ereignissen aufgibt, ohne das eigentliche Problem zu lösen.

Was man selbst beobachten und mit der Praxis klären sollte

Bevor Sie ein Statin eigenständig absetzen, lohnt sich ein strukturiertes Vorgehen. Hilfreich ist, die Beschwerden genau zu beschreiben und ärztlich einordnen zu lassen. Die folgenden Punkte geben Orientierung:

In der Praxis gibt es mehrere erprobte Wege, einen Zusammenhang zu prüfen. Dazu gehört eine kontrollierte Pause unter ärztlicher Begleitung, ein anschließender Wiederbeginn, ein Wechsel des Präparats, eine niedrigere Dosis oder eine Gabe nur jeden zweiten Tag. Oft zeigt sich erst dadurch, ob das Statin wirklich die Ursache ist.

Coenzym Q10: Hoffnung, aber keine gesicherte Lösung

Statine hemmen ein Enzym in der Leber, das für die Cholesterinbildung zuständig ist. Über denselben Stoffwechselweg wird auch Coenzym Q10 gebildet, eine körpereigene Substanz, die in den Kraftwerken der Zellen, den Mitochondrien, an der Energiegewinnung beteiligt ist. Statine senken den Q10-Spiegel im Blut messbar. Aus dieser Beobachtung entstand die Überlegung, ob eine Einnahme von Coenzym Q10 die Muskelbeschwerden lindern könnte.

Die Studienlage dazu ist uneinheitlich. Es gibt kleinere kontrollierte Untersuchungen mit Dosierungen im Bereich von etwa 100 bis 200 mg täglich, die teils eine Besserung, teils keinen Unterschied zu Placebo zeigten. Große, eindeutige Belege für einen zuverlässigen Nutzen fehlen bislang. Coenzym Q10 gilt in den genannten Mengen als gut verträglich, schwerwiegende Nebenwirkungen sind selten. Zu beachten ist, dass es die Wirkung blutverdünnender Mittel vom Cumarin-Typ abschwächen kann; wer solche Medikamente nimmt, sollte eine Einnahme ärztlich besprechen. Ein Versuch über einige Wochen kann im Einzelfall sinnvoll sein, ersetzt aber keine saubere Ursachensuche und keine wirksame Cholesterinsenkung.

Alternativen und Anpassungen der Therapie

Lässt sich ein Zusammenhang nicht ausräumen oder bleibt die Unverträglichkeit bestehen, gibt es mehrere Stellschrauben. Nicht jedes Statin wird gleich gut vertragen, und auch die Dosis lässt sich anpassen. Daneben stehen weitere cholesterinsenkende Wirkstoffe zur Verfügung, die anders ansetzen. Die folgende Übersicht stellt gängige Ansätze gegenüber – sie ersetzt kein ärztliches Gespräch, sondern soll die Begriffe einordnen.

AnsatzWirkweise (vereinfacht)Typische AnwendungHinweis zu Muskelbeschwerden
Wechsel des StatinsAnderer Wirkstoff derselben Gruppez. B. Umstellung bei UnverträglichkeitVerträglichkeit individuell verschieden
Niedrigere Dosis / jeden zweiten TagGeringere Wirkstoffmengebei empfindlichen PersonenOft weniger Beschwerden, etwas schwächere Senkung
EzetimibHemmt die Cholesterinaufnahme im Darmallein oder ergänzend, meist 10 mg täglichMuskelbeschwerden sehr selten
PCSK9-HemmerAntikörper, als Spritze unter die Hautbei hohem Risiko und unzureichender SenkungKeine typische Muskelproblematik
BempedoinsäureHemmt die Cholesterinbildung vor dem Statin-Schrittbei StatinunverträglichkeitWirkt im Muskelgewebe kaum, dafür andere Aspekte zu beachten

Begleitend bleibt die Grundlage wichtig: eine Ernährung mit viel Gemüse, Hülsenfrüchten und Ballaststoffen, regelmäßige Bewegung, Rauchverzicht und ein gut eingestellter Blutdruck tragen unabhängig vom Medikament zur Gefäßgesundheit bei. Welcher Zielwert für das LDL-Cholesterin angestrebt wird, hängt stark vom persönlichen Risiko ab – bei Menschen mit bereits bekannter Herz-Kreislauf-Erkrankung liegt er deutlich niedriger als bei gesunden Personen mit nur mäßigem Risiko.

Das Wichtigste in Kürze

Hinweis: Dieser Beitrag ersetzt keine ärztliche Beratung. Wenn Sie Medikamente einnehmen, chronisch krank sind, schwanger sind oder stillen, sprechen Sie Nährstoffpräparate und Trainingspläne vorher mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt ab.
Dr. med. Katharina Brandt

Dr. med. Katharina Brandt

Fachärztin für Innere Medizin · Hamburg

Katharina Brandt ist Fachärztin für Innere Medizin und arbeitet seit über fünfzehn Jahren in der hausärztlichen Versorgung. Sie schreibt über Herz-Kreislauf-Gesundheit, Blutzucker, Blutfette und darüber, was Laborwerte wirklich aussagen. Ihr Anliegen: medizinische Zusammenhänge so zu erklären, dass Patientinnen und Patienten die Fragen stellen können, die in zehn Minuten Sprechstunde untergehen.

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